LEONIE BAUMANN - EINFÜHRUNG
Sehr geehrte Frau Völckers, sehr geehrter Klaus Staeck, meine Damen und Herren,
ich möchte Sie ganz herzlich im Namen des Dachverbandes der Deutschen Kunstvereine zu dieser Tagung begrüßen.
Kunstvereine gibt es schon seit über 200 Jahren. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine wurde allerdings als Zusammenschluss erst 1980 gegründet und versteht sich seither als Lobbyorganisation für die Interessen der mittlerweile fast 270 angeschlossenen Kunstvereine, in denen wiederum ca. 120.000 Bürgerinnen und Bürger Mitglied sind. Dieses bürgerschaftliche Engagement ist nicht nur das Erkennungszeichen der Kunstvereine, sondern auch der Motor der Qualifizierung, Professionalisierung, Erfahrungsaustausch und Netzwerkbildung. Die Geschichte der gesellschaftlichen Bedeutung von Kunstvereinen hat Höhen und Tiefen. Zuletzt ist vor allem in den 1980er und 1990er Jahren viel darüber spekuliert worden, ob das Modell der Kunstvereine noch eine angemessene Form sei, um sich den rasanten Entwicklungen der zeitgenössischen Kunstpräsentation widmen zu können. Museen-, Kunsthallen-, Galerien-Gründungen schienen von größerer Bedeutung zu sein, als ein "Verein"! Aber gerade in letzter Zeit nehmen wir wieder viele neu gegründete Kunstvereine auf. Eines unserer jüngsten Mitglieder ist der Kunstverein St. Pauli, der mit dem Ehrgeiz angetreten ist, mitten auf der Reeperbahn in Hamburg einen Ort für zeitgenössische Kunst zu etablieren. Solche Beispiele geben Anlass zur Hoffnung, dass die traditionsreiche Einrichtung "Kunstverein" jung bleiben und mit kreativen Konzepten ihren Stellenwert in der Kunstlandschaft nicht nur behaupten, sondern auch immer wieder neu und zeitgemäß definieren wird. Das Modell eines Vereines, der sich der Förderung zeitgenössischer Kunst verschrieben hat, ist eine speziell deutsche Konstruktion. Ich selber bin hauptberuflich Leiterin der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin und erfahre wöchentlich, ja täglich das Erstaunen und die Bewunderung unserer internationalen Besuchergruppen über diese irgendwie ja auch verrückte Konstruktion.
Verrückt nenne ich den ureigenen Widerspruch, mit dem jeder Kunstverein arbeitet: wir kennen alle die Vereinskonstruktionen mit ihren Gremien und Satzungen, die das Arbeiten im Verein nicht immer zu einem Vergnügen machen. Alles wird diskutiert, jede Entscheidung muss wohl begründet sein, immer war irgendein Mitglied bei irgendeiner Sitzung nicht anwesend und hat etwas nicht verstanden... Die Auseinandersetzungen werden aber in der Regel und überwiegend über Kunst und ihre Vermittlung und Präsentation geführt, dem Ziel und Zweck der Kunstvereine - und das ist doch der Widerspruch par excellence. Der Streit über Kunstentwicklungen und unterschiedliche Auffassungen zu zeitgenössischem, künstlerischem Schaffen haben die Kunstvereine zu exemplarischen Foren einer demokratischen Auseinandersetzung um Kunst im ureigenen Sinne werden lassen. Ich wage sogar die These, dass reden und diskutieren über Kunst, was z.B. in anderen Ländern weitgehend unbekannt ist, auf diese Weise Eingang in unsere gesellschaftlichen Verhaltensweisen gefunden hat.

Foto: © Hans Joachim Keller
Ein Dachverband, der sich als Lobbyorganisation versteht, muss auch in die Zukunft schauen und darf sich nicht nur fragen, welche Bedeutung Kunstvereine als eine der vielen non-profit Institutionen heute haben. Als ebenso wichtige Frage bewegt uns, ob sie auch noch für die folgenden Generationen von KünstlerInnen und BürgerInnen eine Rolle spielen werden?
Im Schlussbericht der Enquete Kommission Kultur in Deutschland wird auf die an Bedeutung gewinnende Wachstumsbranche Kulturwirtschaft verwiesen. Gleichzeitig wird aber auch folgende Verpflichtung formuliert: "Es ist ... Aufgabe der Kulturpolitik, nicht nur ökonomisch begründete Ziele zu verfolgen, Gerade die Förderung der kulturellen Ausdrucks- und Präsentationsformen, die sich nicht ‚verkaufen', gehört zu den Kernaufgaben der öffentlichen Förderung von Kultur. Der Auftrag des Kulturstaates besteht auch darin, den Eigenwert - und damit auch den häufig unbequemen Eigensinn - der Kultur vor dem marktgesteuerten Blick auf den vermeintlichen Massengeschmack zu schützen. Nur mit öffentlicher Unterstützung kann die Kultur einer problematischen Nivellierung kultureller Standards entgegenwirken und ihre Bedeutung als identitätsfördernder Faktor in einer demokratischen Gesellschaft erhalten." (Schlussbericht, S. 44)
Das ist ein klares, politisches Bekenntnis. Aber was bedeutet das übertragen auf den Alltag - im Umgang, in der Förderung, Vermittlung und Präsentation von zeitgenössischer Kunst? Wie verändern sich gesellschaftliche Werte und Sichtweisen, was ist kennzeichnend für den Massengeschmack, und welches Niveau ist als kultureller Standard anzustreben?
Boris Groys beschreibt in seinen Ausführungen zur Politik der Unsterblichkeit das vorherrschende Verhältnis zur zeitgenössischen Kunst als eines, das weitgehend nicht vom inneren, philosophischen Wert der Kunst bestimmt sei. Kunst werde in unserer Gesellschaft zu einer spezifischen Ware. Die der Kunst innewohnende Fähigkeit, intellektuelle und sensitive Bedürfnisse und Wünsche der RezipientInnen zu befriedigen, gerate so gegenüber dem merkantilen Aspekt in den Hintergrund. Was aber, so fragt er weiter, hat Kunst dem Publikum zu sagen, zumal es sich um eine Ansammlung von Menschen handele, die - in durchaus absehbarer Zeit - alle tot sein werden? Stößt die Kunst nicht - etwa vergleichbar mit philosophischen Fragestellungen - Themen an, die über den momentanen Zeithorizont weit hinaus reichen? Der eigentliche Wert von Kunst ist somit kein ökonomischer, sondern ein Wert, der sich erst im Hinblick auf kommende Generationen entwickelt.
Es mache daher wenig Sinn, in der Debatte um Kunst, Werte, Gesellschaft nur das gegenwärtige Publikum zu berücksichtigen. Kunstwerke zu realisieren bedeute, darauf zu hoffen, dass Produkte oder auch Ideen entwickelt werden, die ihre gegenwärtigen Konsumenten überleben können und sich notwendigerweise an noch nicht geborene Betrachter und Betrachterinnen wenden. In diesem Sinne stellt sich dann auch die Frage: Inwieweit gelingt es uns in der Gegenwart die der Kunst innewohnenden Potenziale so zu befördern und/oder zu bewahren, dass sie von einem zukünftigen Publikum noch wahrgenommen und bewertet werden können.
Auch wenn unsere Gesellschaft immer weniger Verantwortung für zukünftige Generationen zu übernehmen scheint und Politik sowie Handlungen immer mehr nur von Gegenwärtigem diktiert werden, ist oder sollte zumindest die Kunstproduktion ein Ort der Utopieproduktion bleiben. Um es mit Heiner Müller auszudrücken: "Das einzige, was Kunst kann, ist Sehnsucht zu wecken nach einem anderen Zustand der Welt, und diese Sehnsucht ist revolutionär."
Verfolgt man dagegen die Entwicklungen des Kunstmarktes der letzten Jahre, scheint einerseits die Utopieproduktion immer mehr in den Hintergrund zu rücken. Andererseits sind wir mit Prozessen konfrontiert, die erst durch die Bedingungen einer hoch kapitalisierten globalisierten Gesellschaft strukturell möglich werden: Nie zuvor haben Kunstwerke zeitgenössischer Künstler derart atemberaubende Preise erzielen können. Noch nie wurde Kunst vergleichbar schonungslos zur Ware der absoluten Luxusklasse erklärt. Die Marktentwicklungen gieren nach neuen Absatzmärkten und erstellen zur permanenten Wertsteigerung Ranking- und Hitlisten der vermeintlich Besten. Die daraus folgenden Beobachtungen sind verwirrend: Rekordergebnis für einen diamantenbesetzten Totenschädel; Auktionshäuser, die Galerien gründen; Künstler, die Unternehmen gründen, um ihre eigenen Werke wieder zurückzuersteigern... Kein Trick wird ausgelassen, um die explodierenden Markt-Preise noch weiter nach oben zu treiben. Begleitet werden diese Prozesse von geradezu hysterisierten medialen Berichterstattungen, die Kontexte eher verschleiern als erhellen.
Letzt endlich wird Kunst natürlich immer mit einem Zweck produziert, der im Grunde eine Entscheidung für eine von zwei Öffentlichkeiten oder Richtungen notwendig macht: Entweder ist es die Kunst-Ware für den Kunstmarkt oder die Kunst-Idee für ein politisches, ideelles, sensitives Ziel. Es hat immer Künstler gegeben, die sich entweder für das eine oder das andere oder für beides parallel entschieden haben. Allerdings spielen im Moment diejenigen eher im Backstage der Wahrnehmung, die sich nicht als Waren-Produzenten verstehen, die sich nicht als Markt- oder Macht-"Zulieferer" sehen, sondern mit ihren Strategien, ihren Ideen und Aktionen in dialogischen, partizipativen und sozialen Kontexten agieren.
Welche Rolle spielt Kunst als Bereicherung der individuellen Lebensentwürfe, um sich in einer immer komplizierter werdenden Welt emotional und sinnlich zurechtzufinden? Wer regelt den Zugang zur Kunst, welche Öffentlichkeiten setzen sich wie mit Kunst auseinander, in einer Zeit, in der exklusive Sammler-Museen wie Pilze aus dem Boden schießen, Kunst-Werke hinter Tresor-Türen verschwinden, deren Besitzer auf Wertsteigerungen wartend einen günstigen Moment zum Weiterverkauf abpassen? Der Künstler, die Künstlerin - als Lieferant/Lieferantin und Urheber/Urheberin einer möglichen anderen Sicht auf unsere Welt - ist an diesem Prozess in der Regel gar nicht mehr beteiligt.
Überhaupt wird die Situation der Künstlerinnen und Künstler meistens verdrängt oder vergessen. Nach wie vor können schätzungsweise lediglich 6% von ihnen von ihrer Kunst leben. An dieser Tatsache hat der boomende Kunstmarkt nichts geändert, sondern nur noch mehr verschleiert.
Dabei würden sich immer mehr Künstler und Künstlerinnen gerne dieser Form der Enteignung verschließen und sich lieber einer anderen öffentlichen Auseinandersetzung stellen, selbst in der Gewissheit, dass sie sich lebenslang auf eine abenteuerliche Weise ihre Lebensexistenz sichern müssen. Nicht die Teilnahme am Kunstmarkt-Karussel ist ihr Ziel, sondern die gesamtgesellschaftliche Rezeption und ihr Beitrag zur geistig/philosophischen Erweiterung des Denkens.
Unabhängigkeit ist ein weiteres Stichwort in diesen Prozessen, sowohl für Künstlerinnen und Künstler als auch für Kunstinstitutionen. Schwindet die Eigenständigkeit mit der finanziellen Abhängigkeit? Kann und will sich eine Gesellschaft einer Kunst-Produktion und -Präsentation berauben, die nicht ökonomischen Zwängen folgen muss?
Welche Auswirkungen auf Rezeption und Produktion ergeben sich aus der Hysterie des Kunstmarktes? Wer wird heute noch Künstler/Künstlerin? Wer bestimmt den Wert von Kunst? Gibt es noch so etwas wie nachvollziehbare Bewertungskriterien? Wie definieren sich Kunstinstitutionen in dieser Zeit, in der die Megalomanie der Zahlen das Geschehen auf allen Ebenen beherrscht? Gibt es kunstnahe Kriterien für Erfolg, ohne auf die Besucherstatistik verweisen zu müssen?
Diese Fragen schwirrten durch meinen Kopf, als ich vor einigen Monaten die erste Skizze zu dieser Tagung niederschrieb. Ich war sicher, dass viele sich mit ähnlichen und/oder anderen nahe liegenden Problemen auseinander setzten. Für die Initiative der Kulturstiftung des Bundes, die diese Tagung und dieses Zusammenkommen ermöglicht, möchte ich an dieser Stelle herzlich danken. Holger Kube Ventura hat gemeinsam mit mir die Konzeption der Tagung entwickelt. Wir werden gemeinsam die Moderation der nächsten Tage übernehmen. Wir hatten mit vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gerechnet. Der erfolgte Zuspruch ist aber mehr als überwältigend. Wir hoffen, dass diese Tagung einen gemeinsamen Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu Kunst Werte Gesellschaft befördern wird.
Danken möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich Carina Herring, der Projektleiterin der ADKV, und ihrer Mitarbeiterin Inga Oppenhausen. Großer Dank auch an Birgit Anna Schumacher und Uwe Jonas für die Organisation und Unterstützung in allen inhaltlichen und programmatischen Fragen sowie allen, die im Hintergrund die technischen und organisatorischen Arbeiten erledigen werden.
Leonie Baumann, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine