Eröffnungsrede von Klaus Staeck
(Präsident der Akademie der Künste, Berlin)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
das Thema dieser Tagung erscheint mir persönlich auf den Leib zugeschnitten. Einmal als Künstler, der seine Arbeiten in mehr als 3000 Ausstellungen gezeigt hat, darunter sehr viel Kunstvereine, viele Non-Profit Organisationen, Bibliotheken, bis hin zu den seltsamsten Räumen, die es so gibt auf der Welt. Desweiteren bin ich Verleger in eigener Sache, was ein wichtiges Thema in den 68er Jahren war, aber auch für zahlreiche andere Künstler wie Beuys, Polke, Penk, Palermo, Diether Roth – bis hin zu Neo Rauch, Kirsten Klöckner und Jonathan Meese. Und schließlich habe ich als Galerist und Kunsthändler die Internationale Kunst- und Informationsmesse mit gegründet, heute nennt sie sich Art Cologne. Ich bin Mitglied in mindestens fünf Kunstvereinen, darunter der Heidelberger, in dessen Beirat ich Jahrzehnte verbracht habe, immer hoffend, das Programm ein bisschen mitgestalten zu können. Und in meiner neuen Rolle als Präsident einer Non-Profit Organisation, die sich Akademie der Künste nennt, kann ich ein bescheidenes Wort mitreden, was hier ausgestellt wird und was besser nicht. Als damals die Entscheidung anstand, war einer der Gründe zu kandidieren, dass es eine öffentliche Institution ist und ich ein leidenschaftlicher Anhänger des öffentlichen Raums bin. Die Institution Akademie der Künste stand seinerzeit auf der Kippe, und es schien mir eine reizvolle Aufgabe, diesen öffentlichen Raum zu nutzen. Ich glaube, das kommt dem Thema dieser Tagung schon etwas nah.

Klaus Staeck
Foto: © Holger Kube Ventura

Erlauben Sie mir eine kleine sentimentale Erinnerung. Die ersten beiden Blätter, die ich jemals ausgestellt habe, wurden 1958 in der Weihnachtsausstellung Heidelberger Künstler im örtlichen Kunstverein gezeigt, neben den Arbeiten von 67 Kolleginnen und Kollegen. Es war das erste Mal, dass ich meinen Namen in einer Zeitung gedruckt las, dem Heidelberger Tageblatt, das übrigens inzwischen längst nicht mehr existiert. In einer Art Ausstellungs-tagebuch, das ich neulich in meinem unerschöpflichen Archiv fand, hatte ich eine Notiz zu dieser Ausstellung gemacht. Sie lautete: „Eine Ausstellung auf recht unterschiedlichem Niveau. Mehr konventioneller Kitsch, als wirklich gute Bilder. Da die Jury aber wohl mit Rücksicht auf das Heidelberger Publikum auswählte, lässt das interessante Rückschlüsse zu.“ Sie sehen, ich habe auch die Kunstvereinsarbeit immer mit einem kritischen Auge beobachtet und fühle mich deswegen berechtigt, zu diesem Tagungsthema ein paar Anmerkungen zu machen. Ich habe die Kunstvereine immer geschätzt, weil sie aus bürgerschaftlichem Engagement entstanden sind und stets auch die Unterstützung von Künstlern gefunden haben – denken Sie nur an die vielen Jahresgaben. Ohne die Unterstützung der Künstler, das sollte man nie vergessen, wäre es auch nicht zu diesem Boom von heute etwa 250 Kunstvereinen mit 120.000 Mitgliedern in Deutschland gekommen – eine einmalige Situation. Diese Gründungen waren früher eine Antwort auf eher feudale Strukturen, die in Teilen, so meine ich, heute in abgewandelter Form wieder in Erscheinung treten, was ich mit Sorge sehe.

Das Ziel der Kunstvereine war und ist die Förderung der Künstler, meist der lokalen. Diese Tradition halten viele bis heute aufrecht, allerdings in unterschiedlicher Form. Eine große Zahl ist nach wie vor regional tätig. Damit und indem sie Talente fördern und den Kontakt zum Publikum ohne große Hemmschwellen ermöglichen, erfüllen sie eine wichtige Funktion für nachwachsende Künstler und Freunde der Kunst. Für diese Arbeit werden die meisten Kunstvereine auch finanziell unterstützt, meist aus den kommunalen Haushalten.

Inzwischen bemüht sich aber eine kleinere Zahl von Kunstvereinen darum, mit den Museen und anderen Institutionen zu konkurrieren und versucht, sich im internationalen Ausstellungskarussell mit zu drehen. Sie werden zunehmend Teilnehmer eines sich entwickelnden Ausstellungsmarktes. MoMA und Guggenheim sind zwei bekannte Beispiele aus jüngster Zeit, veranstaltet vom Verein der Freunde der Nationalgalerie, einem Förderverein, der die gleichen Ziele verfolgt, wie ursprünglich ein Kunstverein. Hier geht es um einen Grenzgang, der nach Überzeugung nicht weniger Leute die Grenze bereits überschritten hat, hin zu einer Kommerzialisierung, die ganz andere Folgen nach sich zieht. Denn irgendwann wird nach dem Motto gehandelt: Wer bekommt die meisten Besucher? Vor allem dieser Typ Kunstverein ist zunehmend auch ein Sprungbrett für Kuratoren, die später in eine Museumskarriere wechseln. Im Prinzip ist das positiv, weil die Kunstvereinsleiterinnen – meistens sind es Frauen – gelernt haben, mit wenig Geld flexibel umzugehen und Unterstützer, sprich: Sponsoren, zu finden. Das Problem ist, dass sie sich dabei oft von der Aufgabe entfernen, die sie sich ursprünglich gestellt haben, nämlich Kunstförderung zu betreiben. Sie lassen die nachwachsenden, lokalen Künstler links liegen und bedienen das Sensationsinteresse des Publikums, indem international bekannte Personen gesucht und ausgestellt werden. Ich weiß nicht, ob man ihnen das vorwerfen sollte, aber es ist jedenfalls eine Frage, von der ich glaube, dass sie diesen Kongress beschäftigen sollte.

In diesen Zusammenhang gehört für mich auch, über andere Formen der Künstlerförderung nachzudenken und sie ins Spiel zu bringen. Da ist zunächst die Infrastrukturförderung durch Gesetze wie jenes zur Künstlersozialkasse – vor kurzem haben wir hier das 25-jährige Jubiläum dieser segensreichen Einrichtung gefeiert. Die institutionelle Förderung von Künstlerhäusern, Atelierprogrammen und selbstverwalteten Einrichtungen in den Kommunen ist das eine, das andere ist die kulturelle Förderung durch Stiftungen wie den Kunstfonds oder die Kulturstiftung des Bundes, die ja diesen Kongress hier unterstützt. Drittens gibt es die Wirtschaftsförderung, zum Beispiel durch die Unterstützung von Messebeteiligungen, und viertens die private, zunehmend auch von Unternehmen bezahlte Förderung aus Gründen des Marketings oder der PR, die nur zum Teil uneigennützig ist. Hier verwischen sich bereits die Grenzen. Dabei sollte meiner Überzeugung nach eine klare Trennung zwischen eigennütziger und uneigennütziger Förderung gezogen werden. Zusammen mit Hans Haacke habe ich 1996 den Aufruf „Kunst und Geld“ verfasst, dem sich damals mehrere hundert Künstler und Kunstvermittler angeschlossen haben. Er befasste sich hauptsächlich mit dem Thema Sponsoring. Der zentrale Satz dieses Aufrufs lautete: Jede private Mark, die zusätzlich in die Kultur fließt, ist zu begrüßen. Jede private Mark jedoch, die eine öffentliche Mark ablöst, birgt die Gefahr einseitiger Einflussnahme auf öffentliche Institutionen von Privatpersonen und Unternehmen. Und schließlich der fünfte Bereich: Manche meinen, die einzig wirkliche Künstlerförderung käme durch den Markt zustande, der die Spreu vom Weizen schon trennt und die guten und wichtigen Künstler durchsetzt. Aber wer den Markt nur ein wenig kennt – und da weiß ich, wovon ich rede – weiß, dass die Entwicklung meist in die umgekehrte Richtung läuft. Die Galerien suchen sich zunehmend ihre Künstler aus den oben erwähnten Förderbereichen und übernehmen sie dann. Der Markt ist höchstens manchmal in der Lage, spröde Kunst zu fördern, selten aber, sie auch durchzusetzen.

Klaus Staeck
Foto: © Hans Joachim Keller

Das Problem der Kunstvereine heute ist, dass diese fünf Bereiche sich vermischen. Galerien benutzen Kunstvereine, um ihre Künstler in diesen angeblich unabhängigen Kunstinstitutionen zu vermarkten und unterstützen ihre Ausstellungen. Sponsoren suchen unverdächtige Partner, die ihnen Imagetransfers ermöglichen und Marketingpartner werden. Die Künstlerförderung gerät in dieser Gemengelage leicht unter die Räder verschiedener Interessen. Der Umgang mit dieser Gemengelage ist das Thema dieser Tagung, und man kann den Teilnehmern dabei nur Glück wünschen. Ich habe mir das Tagungsprogramm aufmerksam durchgelesen und dabei 36 Fragezeichen gezählt. 36 Fragen in diesem Programm! Ich könnte sicher leicht noch zehn weitere hinzufügen und hoffe, dass wenigstens einige davon aufgegriffen und während dieser drei Tage gelöst werden. Dann wären wir schon ein Stück weiter. Nochmals: Unabhängigkeit der Kunstvereine auch vom Markt, das ist eines der obersten Ziele. Es wäre schön, wenn Sie das berücksichtigen.