KUNSTVEREINE UND NON-PROFIT KUNSTINSTITUTIONEN
Leonie Baumann
Einführung
Das Programm des heutigen Tages ist den Institutionen gewidmet, die sich der Förderung zeitgenössischer Kunst verschrieben haben und ohne Gewinnerzielungsabsicht arbeiten.
Galerien arbeiten mit den Künstlerinnen und Künstlern zusammen, die Erfolg versprechend für die spätere Vermarktung erscheinen; die Museen und Kunsthallen präsentieren in der Regel die Positionen, die sich bereits auf dem Markt durchgesetzt haben und schon eine beachtliche Ausstellungstätigkeit vorweisen können. Die Ausstellungs-Vita vieler Künstlerinnen und Künstler beginnt jedoch in der Regel in den Kunsträumen, die sich zwischen den zuvor erwähnten Kunstinstitutionen verorten und nach anderen Kriterien arbeiten. Kunstvereine, Produzentengalerien und andere Kunstorte finanzieren ihre Programme und Projekte aus Mitgliedsbeiträgen, öffentlicher Förderung und Sponsoring. Als gemeinnützige Einrichtungen müssen und wollen sie keine Gewinne erzielen und bieten so geradezu einen idealen Ort, der sich als ein Schutzraum für künstlerisches Experimentieren und Agieren erweist.
Aber das alleine ist nicht alles. Die Urheberinnen und Urheber, die keine kommerzielle Verwertung anstreben und/oder deren künstlerische Ideen nicht kommerziell verwertbar sind, finden hier ihre Unterstützer und Partner. Die wirklich unverzichtbare Bedeutung erhalten Kunstvereine und vergleichbare Einrichtungen aber auf Grund ihrer Schnittstellenfunktion zwischen Rezeption und der Präsentation. Die Arbeit in den meisten Mitgliederorganisationen ist durch eine permanente erprobte und gelebte Kommunikation so durchlässig, dass sie einem dauerhaften Kunstvermittlungsprozess gleichkommt. Letztendlich sind viele Aspekte gerade in jüngerer Zeit verstärkt diskutierter Kunstvermittlungsansätze bereits lange Bestandteil der Praxis in diesen non-profit Institutionen: Vermittlung neuer Kunstansätze, Aktivierung der Rezipientinnen und Rezipienten, die Befragung des Autonomiebegriffs der Kunst, die Einbeziehung der Produktionsbedingungen von Künstlerinnen und Künstlern in die Ausstellungsprogramme, das Thematisieren der "porösen Rollengrenze" (Pierangelo Maset) zwischen KünstlerInnen und Publikum. Dazu gehören kunstvereinsintern zunächst die Mitglieder und dann nach außen das Publikum, die BesucherInnen, KooperationspartnerInnen, Zulieferer usw. Diese schrittweise Steigerung ermöglicht KünstlerInnen in den Kunstvereinen das Austesten ihrer künstlerischen Strategien in der Begegnung mit der Öffentlichkeit.
Wer unter solchen vielschichtigen Voraussetzungen Programme erarbeitet, wer in der Lage ist, die Widersprüche auszuhalten, die sich aus diesem komplizierten Gefüge ergeben, dem gelingt es auch, mit wenigen "Kunst"griffen Kommunikationsorte, Labore und Plattformen der Auseinandersetzung zu initiieren. Kunstvereine und vergleichbare Einrichtungen befinden sich so in einem permanenten Transformationsprozess, der sie zu Recht zu "Trendforschern der Nation" (art, Mai 2008) werden lässt. Langfristig kann an diesen Orten auf der Grundlage künstlerischer Strategien eine reflektierte und kompetente Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Realität ermöglicht werden ... und spätestens das unterscheidet dann kunstvereinsähnliche Einrichtungen in der Tat von allen anderen Institutionen im ganzen Betriebssystem Kunst.

Foto: © Jenny Rosemarie Mannhardt
Aus der nunmehr über 200-jährigen Geschichte der Kunstvereine kann man lernen, dass sie immer dann an gesellschaftlicher Bedeutung zu verlieren drohten, wenn sie sich neuen künstlerischen Entwicklungen versperrten und an Traditionen und Bekanntem festzuhalten versuchten. Bemerkenswert an diesen Krisen ist jedoch, dass die Befürworter neuer Entwicklungen letztendlich in historischen Konfliktsituationen obsiegten. Die Tagung Kunst Werte Gesellschaft will die gegenwärtigen Diskussionen um aktuelle Kunstmarktentwicklungen aufgreifen, die Debatte um einen möglichen Bedeutungsverlust von öffentlich geförderten Einrichtungen mit Detailinformationen direkt aus den kunstvereinsähnlichen Institutionen anreichern, um in einen qualifizierten Austausch an Einschätzungen und Beobachtungen eintreten zu können. Es wird jenseits der Events und Spektakel-Veranstaltungen der Blick in die Basisarbeit ermöglicht, die die Konzepte der großen Institutionen und letztendlich auch des Marktes erst begründen. Danach werden wir sehen, welche aktuelle Bedeutung diesem Bereich der nicht kommerziellen Kunstinstitutionen zukommt.
Die Landschaft an Kunstvereinen, Kunstinstitutionen, Produzentengalerien, Initiativen und Organisationen ist heterogen und von einer bunten Vielfalt geprägt, von den zahlreichen aktiven engagierten Menschen, ihren unterschiedlichen Interessen und Ideen.
Die Institutionen, die wir zu dieser Tagung eingeladen haben, stehen symbolisch für diese Heterogenität. Zwei der ältesten Kunstvereine, der Westfälische Kunstverein aus Münster, 1831, und der Freiburger Kunstverein, der 1827 gegründet wurde, werden von dem Spagat zwischen Tradition und Aktualität berichten. Andere Kriterien der Auswahl waren z.B. die rein ehrenamtliche Leitung wie beim Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden. Denn oft wird vergessen, dass 75% der Kunstvereine ehrenamtlich geleitet werden. Über die Arbeitsbedingungen für Kunstvereine in den neuen Bundesländern und die ortsspezifischen Voraussetzungen für die Präsentation zeitgenössischer Kunst berichten die Kollegen des riesa Efau/Motorenhalle aus Dresden, der Freunde aktueller Kunst aus Zwickau und vom Kunstverein Leipzig. Wichtig war uns auch der Blick in europäische Nachbarländer, und ich freue mich sehr, die Kolleginnen und Kollegen der Institutionen overgaden aus Kopenhagen, Liqudacion Total aus Madrid, der Kunsthalle Exnergasse Wien, der Shedhalle Zürich und Tranzit aus Prag begrüßen zu können, die zum einen über die anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen berichten, die zur Gründung von non-profit Kunstinstitutionen an den Beispielen von Prag und Madrid geführt haben, von den Wandlungsprozessen, die ehemals von Künstlern gegründete Produzentenstandorte in Wien und Kopenhagen gegenwärtig vollziehen, oder als eigenständige Kunstorte in Kulturzentren arbeiten, wie es in Zürich gemacht wird.
Unser Anliegen an die Beteiligten war folgendes: Wir wünschten uns, dass nicht die reine Institutionsdarstellung in den Vordergrund gestellt wird, da sich jeder von uns über Ausstellungen und Projekte gut im Internet informieren kann. Für die Tagungsvorstellung hatten wir alle gebeten, einen Aspekt ihrer Arbeit, ein Problem, eine Besonderheit ihrer Institution vorzustellen, der besonders prägend/einmalig/beispielhaft auch für andere sein könnte. Im Anschluss an die Kurzpräsentationen ist eine vertiefende Information in kleineren Gesprächsrunden im Foyer im Open Space möglich.
Für die Dokumentation veröffentlichen wir die Kurzpräsentationen der beteiligten Kunstinstitutionen in Form von Audioaufnahmen sowie die Links zu ihren Präsentationen im Web.
Leonie Baumann, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine