Armin Chodzinski

Rebellion inkl. 7% MwSt. III - Dilettantismus und Luxus


Armin Chodzinski
Foto: © Uwe Jonas

Februar 2000, Dortmunder Westfalenhalle, 10.000 Besucher beim Motivationstag, der Deutschen Toptrainer. Der Motivationstrainer und Unternehmer Edgar K. Geffroy heizt den Besuchern ein. Er erklärt die Welt, und bei aller Aversion, die man als gemeiner Kulturbürger gegenüber der Person Geffroy entwickelt, kommt man nicht umhin zu konstatieren: Mit seiner Zeitdiagnose hat er recht. "In fünf Jahren wird hier kein Stein mehr auf dem anderen bleiben, und wir leben mitten in einer Revolution" sagt, oder besser, ruft Geffroy und meint damit die gesellschaftliche Transformation.
Ja, wir leben in einer Revolution, wir leben in einer Transformationsphase, die ihres Gleichen sucht.
Ja, die Regeln und die Ordnungen sortieren sich neu.
Ja, das, was in der Industriegesellschaft galt, gilt in der Wissensgesellschaft nicht mehr.
Ja, die linke Hälfte unseres Millionen-Systems - wie Geffroy unser Gehirn nennt - ist der Ort, an dem die Gesellschaft die Kreativität und damit die Kunst verortet.
Ja, die besten Gelegenheiten ergeben sich, wenn man die Grundregeln ändert, und das passiert zurzeit in der ganzen Welt.
Ja, Edgar K. Geffroy ist eine unangenehme Person, sein Buch "Das einzige was stört, ist der Kunde" war über 100 Wochen in den TopTen-Verkaufslisten. Er verkaufte insgesamt 250.000 Beratungs-Bücher und gilt als einer der 10 beliebtesten Management-Trainer Europas - seit Anfang der 90er Jahre hat er weltweit in ca. 1800 Vorträgen vor über 400.000 Menschen gesprochen.
Ja, Geffroy's Zeitdiagnosen sind banal, aber nicht banal genug, als dass sie in der Kunst bereits angekommen wären...

Armin Chodzinski
Foto: © Uwe Jonas

Mai 2008, Akademie der Künste Berlin, 500 Besucher auf den Kunst Werte Gesellschaft- Tagen der Bundeskulturstiftung und der Kunstvereine Deutschlands.

Mein Name ist Armin Chodzinski, und ich halte den Vortrag mit dem Titel: "Rebellion inkl. 7% MwSt. III - Dilettantismus und Luxus". Das Wort DREI weist daraufhin, dass dieser Vortrag ein Teil einer Reihe ist, was richtig ist, aber weniger einer inhaltlichen Logik, als vielmehr meinem Bedürfnis nach In-Wert-Setzung entspringt.

Der dritte Teil weist daraufhin, dass schon vieles gesagt wurde und noch einiges zu sagen sein wird. Der dritte Teil wirbt für ein Verständnis, nicht alles verstehen zu müssen, die ersten Teile sind weitestgehend nicht bekannt, vielleicht wurde es da erläutert, was hier nur noch Zitat ist. Dritter Teil deutet an, dass dieser Vortrag reproduzierbar ist, und vielleicht wurde ich so angefragt: Hast Du was zu dem Thema? Ja, in meinem Zyklus: "Rebellion inkl. 7% MwSt.", der sich mit Kunst, Wert und dem neuen Geist des Kapitalismus beschäftigt, könnte Teil drei zu dem Thema passen, Teil fünf oder zwei auch, aber Teil drei am besten.
Teil DREI suggeriert eine längere Auseinandersetzung. Das ist kein temporäres Dampfgeplauder, nein, der Chodzinski setzt sich da ewig schon mit auseinander. Also für die, die mich bisher nicht kennen, für die es heute das erste Mal ist, dass sie von mir hören wird signalisiert: "Achtung, das reiht sich in einen Kontext ein, und wenn hier in Berlin der Dritte Teil stattfindet, wo mag dann Teil Eins gewesen sein?"

Armin Chodzinski
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Armin Chodzinski
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Kommentar einer höheren Instanz, die alles weiß:
Geht man davon aus, dass es unterschiedliche Kunstmärkte gibt, so möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, das Armin Chodzinski eigentlich in keinem dieser Märkte vorkommt. Im ersten Kunstmarkt, also in dem Markt, in dem Werke durch Galerien gehandelt werden, kommt er nicht vor. Ich weiß eigentlich gar nicht warum. In dem zweiten Kunstmarkt, in dem sog. Projektemarkt, in dem künstlerische Projekte gehandelt werden, die von Stiftungen, Behörden und Sponsoren finanziert werden, da kommt er auch nicht vor, zumindest nicht direkt. Er hasst es Anträge zu schreiben - er lehnt es programmatisch ab, sagt er, aber eigentlich ist es rein emotional, es macht ihm schlechte Laune. Im Projektmarkt kommt er nur dann vor, wenn andere vorher Anträge geschrieben haben und ihn dann einladen, das passiert manchmal.
In dem dritten Kunstmarkt, also dem Markt, in dem künstlerische Dienstleistungen gehandelt werden, da kam er mal vor, aber dann kam er auf einmal in der Kunst nicht mehr vor. Dass Armin in der Kunst vorkommt ist - meines Erachtens - reine Behauptung - plausibel zwar, aber eben nicht bewiesen.


Im Titel - und das ist der Sinn dieser Vorrede - setze ich mich durch die Zahl DREI in Wert. Versuche es zumindest. Kein anderes Bezugssystem macht das für mich im Moment. Also mache ich es eben selber. Ich fordere es ein, mein Geburtsrecht auf Erfolg, das mir durch die Milliarden Gedankenzellen geschenkt wurde, wie Edgar Geffroy mir erklärt und wie ich es auch gerne glauben will, denn auch ich glaube, dass alle Menschen gleich sind und hoffe, still, dass ich gleicher bin...
"Kunst Werte Gesellschaft" heißt der Rahmen, in den ich eingeladen werde, und dieser Rahmen hat Wert, Wert deshalb, weil die Ausrichter namhaft sind, weil die Parallelität zur Biennale genannt wird und weil das Line-up, ähnlich wie bei einem Rockfestival, viele Topacts, ein paar Newcomer und viele große Begriffe enthält. Gut. In der Tat ist es wichtig, an diesem Ort nicht nur einen, sondern viele Vorträge zu behaupten. Drei ist dabei eine gute Zahl, nicht zu viele, als dass man als aussichtslos, verkannt und vergessen gelten muss, genug, um nicht als Anfänger oder Risiko betrachtet zu werden.
Auf die stolzgeschwängerte Information, ich wäre auf die Kunst-Werte-Gesellschaft Tagung der Bundeskulturstiftung eingeladen, die ich an einen Freund weitergebe, erhalte ich innert 23 Minuten eine Antwort:

Armin Chodzinski
Foto: © Uwe Jonas
Armin Chodzinski
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Email vom 21. April 2008, 7.28 Uhr. Betreff: Reichskulturstiftung. Lieber Armin, schön für Dich, aber warum eigentlich? Was für Kunst wird denn da verhandelt? Das sind doch die, die Boltanski/Chiapello gelesen haben, und dann haben die Kunst finanziert, weil ihnen die Think tank zu teuer waren. Da wollen die Künstler dann nämlich Honorare, wenn man die Fragen via Kulturstiftung als Kunst verkauft, dann braucht es Projektgelder, und jeder suhlt sich in seiner imaginierten Freiheitsscheisse und arbeitet umsonst. Das ist Feudalismus im 21. Jh. Und dann die Themen. Jeder Idiot schreibt seine Anträge auf die gewünschten Themen hin, und die Künstler suchen in ihrer Arbeit nach irgendeinem link. Das ist kreativ. Toll. Die McKinseys, die in der Herzogkommission den Sozialstaat neu formuliert haben, haben Tagessätze bekommen - eine Woche 5 Meckis, das ist eine Großausstellung in Hintertucks mit einem Jahr Vorlauf und 30 Künstlern. Worüber reden die denn, wenn die von Kunst reden und von Gesellschaft und von Werten... vom Luxusgütermarkt? Von Dienstleistung? Von Selbsterfahrungsscheisse...
Das ist doch Symbolpolitik, nur ohne Symbol und ohne Politik...
Manchmal bin ich echt froh, dass ich damit nix mehr zu tun habe...
Ich muss jetzt zur Arbeit.
Gruss

PS. Wir machen jetzt so ein Magazin für die Leute hier, wo wir Zeichnungen und Texte von den migrantischen Inis zusammen bringen - wenn du was schreiben willst oder eine Bild hast - sag Bescheid, könnte der Sache gut tun.



Er ist echauffiert, und das liegt vielleicht daran, dass sein Themenfeld, in dem er arbeitet, noch kein Förderschwerpunkt ist, dass er nicht kommunizieren mag, mit irgendeiner imaginierten Öffentlichkeit, auf dem Kunstmarkt nicht ankommt und die bisherige KünstlerInnenförderung, namentlich die Sozialhilfe, durch die Hartz4- Gesetzgebung abgelöst wurde. Er ist ein Dilettant, sagt er, und als die FAZ neulich forderte, dass die Welt, die Kunst und die Gesellschaft mehr Dilettanten bräuchte, hat er alle Ausgaben der FAZ in seinem Kiosk aufgekauft und im Hinterhof verbrannt. Vor acht Jahren ist er aus dem KünstlerInnenhaus ausgezogen. Er wohnte dort zusammen mit anderen KünstlerInnen und schrieb Anträge an die Kulturbehörde, damit die das Anderssein im KünstlerInnenhaus bezahlten. Damit konnte man auch mal einen Katalog machen, den dann Bewohner anderer KünstlerInnenhäuser lesen konnten, die dann auch Kataloge machen wollten und im Antrag an ihre Kulturbehörde schrieben, dass die KünstlerInnenhäuser anderer Städte so etwas schließlich auch finanziert bekommen hätten. Das ist die Industriegesellschaft, sagte er dann irgendwann. Und er hielt es nicht mehr aus, und nun arbeitet er in einer Agentur. Privat organisiert er Nachbarschaftsworkshops und geht organisiert auf Demonstration...manchmal.

Armin Chodzinski
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Nein, die Bundeskulturstiftung ist ein gute Sache, sie formuliert das Pflichtenheft einer neuen, einer angewandten Kunst im Sinne der gesellschaftlichen Zweckmäßigkeit im Übergang von der Industrie- in die Wissensgesellschaft.
Nein, da gibt es nichts zu meckern, allenfalls stellt sich die Frage, was denn die Methode ist, die die Kunst, die neue angewandte Kunst für diesen Transformationsprozess zur Verfügung stellt, und ob diese überhaupt den erwarteten Nutzen bereitstellen kann. Und um was für eine Kunst es denn überhaupt geht? Um welchen Kunstmarkt geht es denn? Luxusgüter?
Ja, ich freue mich wirklich, dass ich eingeladen worden bin, hier eine Performance Lecture zu zeigen, und sicher werde ich noch Unvorhersehbares tun, damit das mit der Performance auch deutlich wird.

Ein historischer Exkurs
Ein Blick zurück ist der Blick nach vorn. Im Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft ordnete sich die Gesellschaft neu und die Kunst, die auch. Im England der Mitte des 19. Jh. forderten John Ruskin, Thomas Carlyle und nicht zuletzt William Morris, die Kunst möge angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche endlich von ihrem Throne herabsteigen und sich der gesellschaftlichen Fragen annehmen. In Opposition zur Produktionsweise der Entfremdung in der Industrie, die den Menschen zum Bediener der Produktionsmittel degradierte, forderte man im Rückgriff auf das mittelalterliche Gildesystem eine - im weitesten Sinne - künstlerische Produktion, deren Parameter Qualität, Handwerk und künstlerischer Wert sein sollten. In Deutschland forderte man in der gleichen Zeit Architekten und Baukünstler auf, Architekturen zu schaffen, die moralische Werte vermitteln sollten. Aus Revolutionsfurcht begegnete man den Urbanisierungsphasen mit dem Auftrag, Hygiene und Moral zu bauen. Bürgerliche Vorstellungen, Frieden und ein verantwortlicher, weil effizienter Umgang mit dem eigenen Körper sollte in die Wohnhäuser eingebaut werden.
Die Entwicklungen in England und in Deutschland wurden durch den Kunstgeschichtler und Architekten Hermann Muthesius genauestens beobachtet und in Schriftform begleitet. In seiner Funktion als Geheimrat des preußischen Handelsministeriums versuchte er, das in England radikal Gedachte in Deutschland einzuführen. Muthesius trug den Diskurs nach Deutschland und versprach, vor allem durch seine große informelle Macht im Hinblick auf Förderaufträge für Künstler und Neubesetzungen an Hochschulen, den Diskurs zu pragmatisieren. In Deutschland sollte die Kunst nicht gegen, sondern im Schulterschluss mit der Industrialisierung den Auftrag annehmen, den gesellschaftlichen Umbruch zu gestalten.
Und so tat man es in Deutschland: Verwurzelt in der Bildenden Kunst gingen viele Künstler den Weg, sich einer angewandten Kunst zu verschreiben, die mit dem Gegenstand, die Gesellschaft zu gestalten, versuchte, ästhetische Bildung durch die Nutzung und Gestaltung von Dingen, in die Werte, Moral und Verhalten eingeschrieben wird, zu erreichen. Die große Erzählung der Moderne, in der die Totale Gestaltung nicht nur von Künstlern, sondern auch von Unternehmern gedacht wird.
Weithin sichtbares und fühlbares Beispiel dieses Gestaltungswillens, der vielleicht am besten mit dem Begriff des Kunstwollens beschrieben werden kann, war die Kooperation des Malers Peter Behrens und des Unternehmers und AEG-Gründers Emil Rathenau, die von 1907 bis 1914 gemeinsam die AEG neu erfanden und damit den Begriff der Corporaten Identität - das Unternehmen als Identitätsstiftung und ganzheitliche Gestaltungsaufgabe - in die Welt brachten.
Nietzsche beseelt den Geist der Künstler, beschreibt die Kraft der Unternehmen, und die Gesellschaft sortiert sich neu entlang dem Paradigma einer gestalteten Wirklichkeit, oder, wie es der Kunstkritiker Anton Jaumann im Jahre 1908 formuliert:

Armin Chodzinski
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Foto: © Holger Kube Ventura

"Aber es zeigte sich da ein merkwürdiger kultureller Vorgang. Oder vielmehr: Es bestätigte sich in neuen Verhältnissen ein altes kulturelles Gesetz: Die Kraft sucht zur Selbstvollendung die Form. [...] so holte sich die Erwerbsgesellschaft den Künstler nicht um mit ihm zu renommieren, sondern aus einem tiefen inneren Kulturdrang. Die leitenden Männer in der A.E.G. betrachten diese nicht als ein bloßes Institut ‚of money-making'. Es sind großgeartete, stolze Persönlichkeiten, erfüllt von der Bedeutung und, fast möchte ich sagen, der Schönheit ihres Unternehmens. Sie wissen, dass ihr Werk eine nationale und kulturelle Größe darstellt: Als Arbeits- und Lebensquelle für ein Volk von Arbeitern, als Produktionsstätte wertvollster Wirtschaftsgüter, als finanzielle Macht von gewaltigster Konzentration."

Und diese besagte Macht, die sich zur Vollendung die Form sucht, sucht diese Form eben vor allem dann, wenn die Form ungeklärt ist, wenn es die Notwendigkeit für eine neue Form gibt.
In eben dieser Phase erfinden wir uns heute, die Form ist ungeklärt. Der Ökonom Peter Drucker erklärt bereits 1993 in seinen Buch "The Post Capitalist Society", dass die Produktionsmittel nun von den Arbeitern beherrscht würden, die traditionelle Grundlage des Kapitalismus, die Produktionsmittel befänden sich in ihrem Besitz. Klar, die Wissensgesellschaft basiert auf Wissen, denn die Industriegesellschaft hat sich eingelöst, alle regelhaften Prozesse sind oder werden automatisiert. Es braucht nicht mehr den starken Arm, der in der Lage wäre, die Räder zum Stehen zu bringen, sondern es braucht das Wissen, die Erfahrung, die Kompetenz. In der Produktion ist der Mensch nur noch für das Irreguläre zuständig, für die Ausnahme, in der eigene erfahrungs- und kompetenzbasierte Entscheidungen getroffen werden müssen - in der Dienstleistung sowieso.
Wenn Drucker also diese Zeitdiagnose vornimmt, so ist das weder sonderlich politisch noch visionär, sondern allein das Anerkennen gesellschaftlicher ökonomisch determinierter Entwicklungsprozesse. Spannender und interessanter ist die Frage, die darauf folgt:
Welche Form sucht sich die Kraft zur Vollendung? Was ist die Kraft?

Armin Chodzinski
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Der Fordismus, das Zergliedern eines Prozesses in kleine Arbeitsschritte zur Effizienzsteigerung, ist tot, weil die Regelhaftigkeit nicht mehr das Maß ist. Lebendiger denn je ist der Taylorismus, der innerhalb der Arbeitsschritte eine Optimierung versucht - seine Vorzeichen haben nur gewechselt und sind perfider geworden: Stand Frederic Winslow Taylor vor 100 Jahren mit der Stop-Uhr an Arbeitstationen und betrachtete Schrittfolgen und Bewegungen, um diese zu optimieren und dem modernen Tanz eine inhaltliche und gestalterische Basis zu liefern, operieren die Enkel Taylors heute mit Sinnstiftung, mit kritischem Bewusstsein und Identität - je nach Aufgabe und je nach Ziel - auch mit Tanz, wie der Vorstandsvorsitzende von Microsoft und Sohn des Schweizer Malers Karl Ballmer, Steve Ballmer, wenn er zu Beginn der Aktionärsversammlung wie ein Derwisch über die Bühne tanzt und archaisch seinen Glauben an das Unternehmen herausbrüllt..

Vielleicht ist Frederic Winslow Taylor auch reinkarniert, dann wäre er heute anwesend, als Leiter eines kritischen, eines politischen Kunstvereins.

Einschub von der Instanz, die wirklich alles weiß: In dem Seminar Kunst und Wirtschaft an der Universität St. Gallen war in der letzten Woche Herr Auer zu Gast. Herr Auer ist Mitglied der Geschäftsleitung der Schweizer Raiffaisen Bank, und ich lud ihn ein, weil seine Bank die Arbeit Stadtlounge von Pippilotti Rist in St. Gallen aufgestellt hatte und ich mit ihm öffentlich über die Frage des öffentlichen Raumes sprechen wollte. Wer diese Arbeit nicht kennt, dem sei kurz erklärt: Das Hauptgebäude der Raiffaisen Bank befindet sich in dem sog. Bleicheli-Quartier, das sich zwischen Altstadt und Bahnhof befindet. Pippilotti Rist hat Großteile dieses Quartieres mit einem roten Granulat überzogen, besondere Beleuchtungskörper aufhängen lassen und das ganze als Stadtlounge behauptet.
Das Gespräch mit Herrn Auer verlief allerdings anders als gedacht: Die Referentin des Bereiches Bildende Kunst des Unternehmens hatte Bildbeispiele gesammelt, und Herr Auer erzählte von der strategischen Bedeutung der Kunst für das Unternehmen, dabei unterschied er zwischen der äußeren Strategie - die Repositionierung der Marke Raiffaisen von der Bauernbank zur Großkundenbank - und der internen Strategie - die Unternehmenskultur, die Herstellung von Identität, Kreativität und all dem. Von den Studierenden befragt, in welchem Zusammenhang die gezeigten Arbeiten von Martha Rosler oder Roman Signer denn mit dem Unternehmenszweck stünden, antwortete er, dass es in diesem Falle weniger die Arbeiten als die Vorgehensweisen seien, die ihn interessieren. Weiter wünschte er sich - nach einer langfristigen Strategie gefragt - die Kunst im Unternehmen, KünstlerInnen als Berater von Projekten, Prozessen und Abläufen: Kunst ist Organisationsentwicklung, sagt er, aber so weit sind wir noch nicht...



Armin Chodzinski
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Also: Kunst und Wert:
In dem Deutschen Wörterbuch von Hermann Paul, das Ausgangspunkt und Munition so mancher bildungsbürgerlicher Konversation sein kann, findet man zwischen den Worten Wermut und Werwolf einen längeren Passus über den Begriff Wert.
Bei Karl Marx findet man den Wert in dem Preis wieder, der der Geldausdruck der in einer Ware vergegenständlichter gesellschaftlich notwendiger Arbeit ist. Bei Goethe findet man den bleibenden Wert, der eine bestimmte Tauglichkeit und Qualität meint. Anfang des 20. Jahrhunderts erst wird Wert fast ausschließlich noch auf Geistiges und Immaterielles bezogen und kann nicht mehr allein sein. Wert gibt es in diesem Sinne nur als Plural, höhere, geistige Werte und alle münden in die Kulturwerte, die im Kapitalismus so konstitutiv sind.
Der Kapitalismus ist ein System, das, wie Joseph Schumpeter es so eindrücklich beschreibt, aus einem fortwährenden Wechsel von Absorption und Revolution seine Innovationskraft und seine Anpassungsfähigkeit generiert. Aufbauen und Zerstören. Ein Wechselverhältnis, dass jeder, der mit Kunst zu tun hat, schon mal gehört hat. Und deshalb sind gerade für die Revolutionen, die nicht blutig, sondern fundamental gemeint sind, von Beginn an die Künste zuständig. Je sperriger sie sich zu den bestehenden Ordnungskategorien verhalten, desto besser, denn nur die fortwährende Überarbeitung bestehender Relationen gewährleistet eine Entwicklung im kapitalistischen Sinne.
Der neue Geist des Kapitalismus, wie ihn die Soziologen Luc Boltanski und Eve Chiapello in ihrem Standardwerk beschreiben, verdeutlicht, dass sich diese Entwicklung, diese relationale Notwendigkeit von Kunst, Ökonomie und Gesellschaft unter der Vorherrschaft der Kritik in den letzten 50 bis 100 Jahren auf eine Weise etabliert hat, die die heutige Gesellschaft nahezu durchdrungen hat.

1907 gründete sich der Deutsche Werkbund als ein Ort, an dem die unterschiedlichen Interessen gemakelt und gedacht werden sollten. Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kunst verbanden sich aus unterschiedlichsten Interessenlagen miteinander. Gemein war allen das Anerkennen, dass sich die Grundregeln fundamental geändert hatten, dass kein Stein auf dem anderen blieb, dass man sich in einer Revolution befand, die eigentlich eine Transformation war.

Aber warum die ganze Zeit drum herum reden? Lassen Sie mich meinen Vortrag zusammenfassen:
Kunst Werte Gesellschaft? - Ich liebe es!!!!